Tagebuch 06.07.2011 | 00:30 Uhr

Heute schreibe ich kein Tagebuch mehr....ich bin enttäuscht und verärgert.

Nicht enttäuscht von der Mannschaft, denn die hat alles gegeben. Enttäuscht, weil es vielleicht wieder nicht funktioniert, etwas Großes im Baseball zu erreichen. Und verärgert, weil diese EM eine Frechheit ist, eine unglaubliche Respektlosigkeit des Europäischen Verbandes gegenüber seinen Junioren, den Coaches, den Verbänden und den anreisenden Eltern. Letzteres reduziert sich offensichtlich nur auf uns deutsche Eltern, weil anscheinend wir nur so bekloppt sind, unseren Kindern nachzureisen.

Aber von Anfang an:

Gestern habe ich um 23:00 Uhr den Löffel abgegeben...und bin zu meinem Zelt aufgestiegen. Ja, aufgestiegen, denn mein "Zuhause" liegt oben auf der Anhöhe...für mich rauchenden, übergewichtigen alten Sack eine ziemlicher Aufwand. Zum Glück mache ich diesen Weg nur einmal am Tag, den der Ablauf sieht immer gleich aus. Morgens duschen, ab zum Frühstück, von dort aus zum Platz. Nach dem Spiel (gegen 16:00 Uhr) in die Internetbutze...und los geht´s. Bilder auf den Rechner überspielen, aussortieren, umformatieren, ins Netz überspielen, mit meiner Homepage verknüpfen, bei Facebook reinstellen, Bericht vorschreiben, Korrektur lesen, in meine Homepage einbinden, dem DBV übermitteln usw. Ab und an leisten die Jungs einem alten Mann Gesellschaft oder passen auf mein Equipment auf, damit ich mal ne Zigarette rauchen kann. Aber pünktlich um 19:00 Uhr sind alle weg: "Wir gehen dann mal essen". Schön das zu wissen, denn ich kann nicht weg...ich muß so lange sitzen bleiben bis ich fertig bin, oder das Internet zusammenbricht (was heute um 23:00 Uhr der Fall war). Heute hab ich mal zur Abwechslung ein trockenes Baguette mit gekochten Schinken gegessen...

 

Aber ich war ja noch bei dieser Nacht. Zum ersten Mal seit langer Zeit schon um 23;00 im "Bett". Eigentlich wollten mir die Jungs aus Mitleid mit dem alten Mann eine Wolldecke leihen...haben sie aber "vergessen". Macht nix, habe mir fest vorgenommen, heute die Luftmatratze zu besiegen.

Ich stelle mir einfach vor, ich liege in einem dieser wunderbaren Bungalows, die mit Mikrowelle, Kühlschrank mit Gefrierfach, Fernseher und Terasse ausgestattet sind, im großen Doppelbett. O.K. ich muß mir das Doppelbett mit Mörv teilen, aber das ist mir auch egal....und tatsächlich, ich schlafe schnell ein. Um 01:30 mußte ich feststellen, dass die Vorstellungskraft eines 50-jährigen doch mittlerweile relativ begrenzt ist...ich liege wieder auf meiner Luftmatratze...aber Gott sei Dank ohne Mörv an meiner Seite.

Naja, irgendwann geht auch jede Nacht in einem Zelt mal zu Ende...heute morgen um 06:30 Uhr. Albert Hammond lässt grüßen. Laaaaangsam aufstehen, wie es sich für mein Alter gehört...man will sich ja kurz vor so einem wichtigen Spiel keine Zerrung holen. Duschen in der riesigen Gemeinschaftssanitäranlage (hab ich schon erwähnt, dass die Bungalows eigene WCs mit Dusche haben) und dann ab zum Frühstück. Heute ging es etwas eher zum Platz, da wir Heimteam waren und die BP schon um 09:00 Uhr begann. Das Frühstück ist, wie jeden Morgen nicht der Rede wert. Um 08:30 waren wir die einzigen Menschen auf der 1 000 000 qm großen Sport- und Freizeitanlage, die neben dem Baseballplatz eine Golfplatz, ein Velodrom, einen Hubschrauberplatz auch eine GoCart Bahn umfasst, auf der Fernando Alonso fahren gelernt hat. Das alles erzählte mir ganz stolz der unheimlich freundliche Platzwart, der vom Baseball zwar keine Ahnung hat, aber sich sehr viel Mühe gab, den Platz als One Man Show herzurichten. Trotzdem ist der Zustands des Infields grottenschlecht...so schlecht, dass kurz vor Spielbeginn der Meister höchstpersönlich in gewohnter Manier den Rechen in die Hand nahm und den Platz für seine Jungs herrichtete...damit auch keiner "bad hops" als Ausrede benutzen konnte.

Es mag für einen kurzen Moment recht witzig sein, wenn Matze Winterrath selbst Hand anlegt, um den Platz in einem bespielbaren Zustand zu bringen...aber bei genaueren Betrachtung ist es einer der vielen Unmöglichkeiten, die uns hier die CEB als Dachorganisation bietet. Man muß sich vorstellen, dass der Headcoach einer Nationalmannschaft selber den Platz pflegen muß, weil keine Groundcrew da ist, Hier ist gar nichts.

Kein Catering, keine Versorgung der Mannschaft. Noch nicht mal mit dem Allernötigsten, wie z.B. Wasser bei Spielen, die nachmittags bei 30 Grad in der Sonne stattfinden. Hier findet man auch keinen Verantwortlichen des Ausrichters...hier laufen nur ein paar alte arrogante CEB-Säcke rum, die einen auf unheimlich wichtig machen. Warum man eine EM nach Gijon vergeben hat, fragt sich jeder Beteiligte...außer die CEB Säcke. Die fahren wahrscheinlich mit dem Finger über die Landkarte und überlegen sich, wo sie gerne mal bezahlten Urlaub machen wollen.

Notwendige Requirements werden nicht erfüllt. Hier gibt es noch nicht einmal L-Screens für die BP...mehr als gefährlich für die Coaches. Hier gibt es gar nichts...und vor allem gibt es keine Zuschauer. In Asturien interessiert sich kein Schwein für Baseball, die Spiele finden unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt...und dahin wird eine Europameisterschaft vergeben??? Eine Sauerei gegenüber den Junioren, die jahrelang auf dieses Ziel hingearbeitet und von einer Teilnahme geträumt haben. Ein Affront gegenüber den Coaches, die fast zwei Jahre Arbeit in dieses Team gesteckt haben. Eine Frechheit gegenüber den Verbänden, denen ein Unternehmen EM Tausende von Euros kostet. Eine Schweinerei gegenüber den Eltern, die viel Geld investieren, um ihre Kinder in der Wüste Baseball spielen zu sehen.

Bei dem heutigen Spiel gegen die Ukraine waren sieben Zuschauer da...und ich kenne sie alle mit Namen. Familie Thieben waren mit drei Personen angereist, Familie Trisl mit zwei Personen., Martin Brunner und Frauke Ehmcke. Kurz vor Ende des Spiels kam noch die Mutter von Bruno Aurnhammer mit dessen Freundin hinzu. Alle sind mit einem riesigen Aufwand angereist ...und alle werden sie von der CEB mit Anlauf in den Hintern getreten.

Apropos Ma Ehmcke. Sie sorgte heute für das Highlight des Tages...und zückte zur Begrüßung ein Taschenlampen-Headset., damit ich nicht mehr mit dem Lampe zwischen den Zähnen schreiben muß. Und ratet mal, was gerade auf meinem lichten Schädel sitzt, während ich diesen Bericht auf meiner Luftmatratze liegend schreibe....

Es ist 01:36 Uhr....ich wollte eigentlich kein Tagebuch schreiben.