Tagebuch 02.07.11

21:46 Uhr, ich sitze mit meiner 2 Liter Flasche Cola Light in Oviedo auf dem Campingplatz in meinem Zelt.... und stelle fest: Ich liebe das Leben. Die Italiener, die sich schräg gegenüber in den Bungalows eingenistet habe, gehen mir mit ihrer Lautstärke und Arroganz jetzt schon auf den Sack, die Franzosen wollten mich schon für ein Scrimmage Game morgen früh einladen, aber ich musste mangels Masse leider absagen. Diese Masse macht heute Abend eine Tour durch Paris und schaut sich gerade den Eifelturm an...und ich schreibe vor lauter Langeweile Tagebuch...auf dem Zeltboden, da im Flugzeug leider kein Platz mehr für einen Tisch und einen Stuhl war.

Apropos Flugzeug...mein Abenteuer begann eigentlich schon gestern abend. Ich wusste bis gestern gar nicht, dass man auch schon um 22:30 Uhr schlafen kann...eigentlich bin ich bisher immer davon ausgegangen, dass man bis 00:30 aufbleiben muß, um die nötige Bettschwere zu erhalten.

Um 01:20 Uhr klingelte schon der Wecker, denn damit ich rechtzeitig um 04:30 Uhr in Düsseldorf (Abflug 06:00 Uhr), muß ich ab Bonn um 02:00 Uhr losfahren. Bei geschätzten 100km nennt man so was wohl optimale Verbindung.

Es ist schon großartig, was für Typen (vor allem in welchem Zustand) man um diese Uhrzeit an den Hauptbahnhöfen dieser Welt antrifft...das wird nur noch getoppt von der seltsamen Ansammlungen morgens früh um 04:30 am Flughafen in der Schlange nach Palma. Da mein Flug nach Oviedo über Palma ging, musste ich mich bei den Ballermanntouris einreihen. 10 Meter links vor mir die "Alkoholfreunde aus Emmerich", die bis zum Schalter eine Druckbetankung durchführten, denn Flüssigkeiten sind an Bord nicht erlaubt und müssen vorher vernichtet werden. Schräg hinter mir eine Truppe Jugendlicher mit dem obligatorischen Schnapsglas als Halskette...haben sie wohl vergessen, nach Karneval abzunehmen. Da wurde um 04:30 Uhr schon Korn bis zum Abwinken eingeschenkt. Und neben mir versuchte Rentner Hein seine Kegeltruppe zusammen zu bekommen. Telefonat mit Jupp: "Jupp, komm innne Pötte, wir sind schon fast am Schalter. Die anderen sind schon durch und schon mal en Bierchen trinken"

Da lob ich mir doch die alten Zeiten, als es noch Raucherflüge gab. Auch auf Langstreckenflügen hat man eben auf die Zähne gebissen und einen Nichtrauchersitz gebucht. Denn aus Erfahrung wusste man, dass in der Raucherabteilung die ganzen Promilletouris saßen und "Schalke, Schalke" grölten. Wenn man dann doch Bock auf eine Zichte hatte, ging man mit mitleiderregendem Blick nach hinten und fragte, ob man sich mal kurz für eine Zigarette hinsetzen könne. "Na Jung, haste kein Platz mehr bei uns bekommen, wa? Kein Problem, setz dich hin, wir Raucher müssen zusammenhalten" Aber leider sind die guten. alten Zeiten vorbei...und man ist auf dem Kurztrip nach Palma von einer Alkoholwolke umgeben. Wohlgemerkt, morgens um 06:00 Uhr. Dafür hatte der Bordkaffee die Fähigkeit, Tote aufzuwecken. Absolut ungenießbar...aber genau das, was ich um die Uhrzeit brauchte.

Palma selber war wenig aufregend, der Transfer klappte reibungslos. Für die geschätzten 1500 Meter bis zum nächsten Gate hatte ich 30 Minuten Zeit...das hab sogar ich locker geschafft.

Was dann aber kam, war der Hammer. Hatte man auf dem Flug nach Palma noch eine richtiges Flugzeug und dementsprechend Platz, war jetzt nach Oviedo nur noch ein Drittel davon übrig....und voll. Voll von Menschen mit Kindern, jede Menge Kuchenbleche und körbeweise zu Essen dabei...fehlten nur noch die Ziegen und Hühner. Ein Kind schaffte es, die 1,5 Stunden Flug komplett durchzuschreien, links von mir kotzte die Kleine die Tüte durch...ich fühlte mich wie auf einer nepalesischen Frachtmaschine. Jeden Moment erwartete ich Indiana Jones hinter dem Vorhang hervorspringen, der uns entgegen ruft, dass gar kein Pilot da sei. Sprach´s, nimmt das einzige Schlauchboot (das sowieso keinen Sinn macht, wenn 95 % des Fluges über Land ist) und springt damit über den Pyrenäen ab.

Die Landung war das Highlight. Entweder scheint die Landebahn ziemlich kurz zu sein...oder Bruce Willis war an Board und hat sich gesagt: Kein Pilot da, Indiana Jones weg...dann lande ich das Ding mal selber. Egal, was der Grund war....es war vor allem eine Vollbremsung, sodaß man durch die eintretenden Flieh- und Bremskräfte automatisch die vorgesehene Schutzhaltung einnahm.

11:00 Uhr, pünktliche Landung in Oviedo, nach 20 Minuten mit Gepäck schon draußen. Erst mal einen Kaffe und gleich Nachhilfe in spanischer Trinkkultur bekommen. Ein café solo, also nach meinem Verständnis ohne Milch und Zucker (sin asucar y leche) ist kein schwarzer Kaffee, sondern ein Espresso. Einen Kaffe, wie wir ihn als schwarzen Kaffee kennen, ist in Spanien ein café americano. Verstanden?

Nach dem erste Delay Call von Rufio habe ich noch bis 13:30 Uhr gewartet. Dann kamen aber schon Heike und Daniel vom Baseball-Orga-Team. Heike, um die Deutschen und Daniel, um einen russischen Umpire abzuholen. Da weder die Deutschen noch der Russe kamen, entschloß sich Heike, auf die russische Mannschaft zu warten und Daniel fuhr den einzigen Deutschen, den er finden konnte, zum 30 km entfernten Campingplatz. Unterwegs überfiel ich die unglaubliche Erkenntnis, daß es doch sehr von Vorteil ist, wenn man in Spanien unterwegs ist...und Spanisch spricht. So teilte mir Daniel mit, dass die Spanier sich in Gijon kaum für die EM interessieren. Die Massen werden strömen, aber nicht zu den Spielen. Als ich ihm erzählte, dass wir vor 2 Jahren in Bonn bei einigen Spielen bis zu 1 000 Zuschauer hatten, war er ziemlich von den Socken. Hier wären sie froh, wenn sie die 1000 Zuschauer für das gesamte Turnier zusammenbekommen.

Egal, 14:15 waren wir auf dem Campingplatz, einchecken, Platz aussuchen, Zelt aufbauen. Ein 3.Mann Zelt alleine in 1,5 Stunden aufbauen, ohne zu fluchen...meine Jungs werden es mir nie glauben.

Um 16:30 Uhr erst mal auf die Terrasse am Pool gesetzt, eine eiskalte Cola Light gezischt und ein paar gemeine Facebookeinträge hinterlassen.

Um 17:00 Uhr habe ich trotz aufkommendem Mittagsschlafbedürfniss aufgerafft und bin mit dem Bus in die Innenstadt von Gijon gefahren. Busfahrer interviewt, 1,15 € für 5 km gezahlt...und ab ging es in die Stadt. Gijon hat ein paar wunderschöne Bauten, ist aber großteils potthässlich, da offensichtlich auch hier der 70ziger Jahre-Plattenbauwahnsinn gewütet hat. Aber Gijon hat einen McDonalds und einen Burger King in der Innenstadt, einen Lidl soll´s gerüchterweise auch geben...alles wird also gut.

Einfach ziellos umherlaufen war mein Motto...und durch Zufall bin ich an den Yachthafen von Gijon gekommen. Ein wunderschöner Ort, an dem ich stundenlang hätte sitzen bleiben und die Ruhe genießen können...wenn nicht der letzte Bus Richtung Campingplatz schon um 19:30 gefahren wäre. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle habe ich endlich einen Sonnenbrillen-Handtaschen-Uhren-Straßenhändlern gesehen...aber der hatte noch nicht mal ne Rolex.. Was mir aber bis jetzt noch nicht über den Weg gelaufen ist, sind die kleinen, ca. 1,60 großen, lang- und schwarzhaarigen feurigen Spanierinnen....aber wir sind schließlich noch eine Woche hier und in meinem Alter braucht man ab und zu was für´s Auge..

Zurück auf dem Campingplatz habe ich noch mal versucht, in dem kleinen, stickigen Raum ins WiFi Internet zu kommen...vergebens. Dafür habe ich dort Andy Berglund getroffen, der mittlerweile Headcoach der Tschechen...und wir haben über Baseball geredet.

Mein Fazit zum Platz: Der Campingplatz ist super, die Bungalows sehen sehr gepflegt aus, der Supermarkt ist klein, hat aber alles, was man braucht (die Preise sind o.k.), der Pool ist cool, die sanitären Anlagen sind sehr sauber und wurden sogar jetzt um 23:00 Uhr nochmals gereinigt und feucht gewischt, die Duschen sind abschließbare Einzelkabinen...es ist also alles in Ordnung....wenn nicht das Zelten wäre.

Ich will meine Sachen aufhängen können und nicht im Koffer liegen haben, wo sie langsam durch die hohe Luftfeuchtigkeit feucht werden. Ich will nicht ständig mit einer Taschenlampe rumleuchten, damit ich nicht auf meinen Rechner, Photoapparat, Videocamera, oder viel schlimmer, auf ein Feuerzeug trete. (Montag hole ich mir eine Taschenlampe, die ich mir auf den Kopf befestigen kann, damit ich um die Uhrzeit noch schreiben kann und die Taschenlampe nicht zwischen den Zähnen halten muß) Und vor allen Dingen hat mir bis heute noch keiner gesagt, wie man aus so einem Zelt rein- bzw rauskommt, ohne sich einen Krampf zu holen

Ich hab mir jetzt tatsächlich beim Schreiben einen Krampf in der Bauchmuskulatur geholt. Zwar ist diese Muskulatur ziemlich tief versteckt...kann aber verdammt weh tun.

Ich freue mich auf die nächsten Tage.